Mit den Amazonen zur Lama-Schule
Heute hatten wir eine Entscheidung zu treffen, die uns nicht leicht gefallen ist. Durch einen Kontakt aus der Deutschen Botschaft in Moskau – dem wir an dieser Stelle sehr für sein Engagement danken – trafen wir in Ulan-Ude mit Slava Bulatow zusammen. Er hatte für uns verschiedene Dinge vorbereitet, die aber durch unser Dank Grenzübertritt verrutschtes Timing nicht geklappt haben. Was aber unbedingt sein musste, war unser Besuch eines der wichtigsten buddhistischen Tempel Russlands. Das Argument: Diese heilige Stätte muss man einfach besucht haben, wenn man in Buriatien ist. Das Wunder dieses buddhistischen Tempels, die in Buriatien “Datsan” genannt werden, ist ein sitzender Lama, der seit 70 Jahren nicht weiter altert. Darüber hinaus wurden wir in Ulan-Ude dermaßen herzlich empfangen, dass wir diese Einladung nicht einfach so ausschlagen wollten.
Unsere Bedenken, die es uns so schwer gemacht haben, diesen interessanten Vorschlag spontan anzunehmen, waren vielschichtig: Vor uns lag die nächste große Etappe nach Jakutsk mit 2.560 Kilometern, die wir ohne Zwischenstop bewältigen wollten – ohnehin schon eine grosse Herausforderung an das ganze Team. Die Wettervorhersage für die Strecke nach Jakutsk verhieß Nebel, viel Schnee und Temperaturen bis zu minus 50 Grad – auch keine optimalen Voraussetzungen, um die Strecke schnell zu bewältigen. Das Team hätte gerne den Tag früh begonnen und direkt vollständig zum Fahren genutzt. Die Befürchtung, dass wir durch den vorgeschlagenen Ausflug etwa die Hälfte unseres Vorsprungs auf den Zeitplan einbüßen würden, stand im Raum. Zusammengerechnet sind die Bedingungen dafür, wie von Matthias als Grobziel angegeben am 26.12. in Magadan einzutreffen, schon schwierig genug.
Dass wir den Ausflug zum buddhistischen Kloster “Gandan Dashi Choinkhoryg” dann doch gemacht haben, war eine der besten Entscheidungen, die wir bislang getroffen haben! Wir haben nicht nur Einblicke in das wichtigste buriatische buddhistische Zentrum erhalten, sondern auch in den mitfahrenden Baikal-Amazonen sowie Slava und seinem Sohn Roman neue, gute Freunde gefunden. Während einige der Amazonen die 30 Kilometer zum Kloster in den Jeeps bei Matthias und Evgeny mitfuhren und darüber sehr glücklich waren, haben wir eher von dem Rundgang durch das Klosterareal in der aufgehenden Sonne profitiert. Vermutlich hat jeder Einzelne aus dem Expeditionsteam einige der vielen Gebetstrommeln auf dieser Runde dafür genutzt, für das Gelingen der Expedition, unfallfreie Fahrt, gutes Durchkommen oder ähnlich hilfreiche Aspekte zu bitten. Darüber hinaus wurden wir von einem der Lamas über die Geschichte des Klosters und der Lamaschule informiert. Dieser frühe Sonntagsausflug hatte sich auf ganzer Linie gelohnt!
Zurück am Hotel hatte Swetlana, die Chefin der Baikal-Amazonen, kurzfristig ein TV-Team herantelefoniert, so dass wir durch die Interviews von Matthias und Evgeny fast die ausgefallene Pressekonferenz vom Vortag wettmachen konnten. Von dort aus ging es dann zu einem abschließenden gemeinsamen Mittagessen. Denn nach unseren Erzählungen vom Tag an der Grenze, den wir am Tag zuvor ohne warme Mittagsmahlzeit verbracht hatten, wollten uns die Freunde aus Ulan-Ude auf jeden Fall gut gewappnet auf unseren Weg nach Jakutsk entlassen. Und als ob diese Herzlichkeit, das interessante Programm, die Geschenke – am Vorabend gab es buriatischen Balsam, eine Art Kräuterlikör – und die fröhlichen Gespräche im Drei-Sprachen-Mix, kurz die ganze Gastfreundschaft, die uns in den vergangenen 20 Stunden entgegen gebracht wurde, nicht genug gewesen wären, erhielten wir zum Abschied einen Kontakt für unsere Unterbringung in Jakutsk.
Diese Begegnung hat allen ganz besonders viel Freude bereitet. Wir hoffen, dass wir uns eines Tages für die Gastfreundschaft revanchieren können. Den Kontakt zu den engagierten, interessanten Offroad-Fahrerinnen aus dem Club der Baikal-Amazonen werden wir auf jeden Fall aufrecht erhalten und ihre Aktivitäten weiterhin verfolgen. Karl Bauer aus Moskau und Slava in Ulan-Ude danken wir ganz besonders herzlich für die Vorbereitung unseres Aufenthalts und die perfekte Betreuung in Ulan-Ude.
Nach dieser schönen Begegnung und dem erfolgreichen Tempel-Ausflug waren wir für die lange Tour nach Jakutsk bestens gerüstet. Unser erster Orientierungspunkt unterwegs war die Stadt Chita in etwa 800 Kilometer Entfernung. Die haben wir etwa 24 Stunden nach Abfahrt aus Ulan-Ude erreicht - und direkt mal genutzt, um uns hemmungslos zu verfahren. Nachdem wir in einem Hinterhof feststeckten, kam uns die örtliche Polizei zur Abwechslung sehr gelegen: Mit der Hilfe ausgesprochen freundlicher Polizisten sind wir mit Blaulicht aus unserer Sackgasse herausgelotst und an den Stadtrand eskortiert worden. Hier haben wir unsere Fahrt wieder aufgenommen, kommen aber auf den zum Teil schwierigen, sehr holprigen Strecken nicht schnell voran. Wir sind gespannt, wie lange wir für unsere Fahrt nach Jakutsk insgesamt brauchen werden. Fest steht: Die Nachrichten über die minus 68 Grad, die derzeit in Jakutsk herrschen, scheinen wahr zu sein. Die Aussentemperaturen werden kälter und kälter. Den Tiefstwert unserer digitalen Thermometer mit minus 39 Grad haben wir längst unterboten - aktuell zeigen unsere provisorischen Aussenfühler eine Temperatur von minus 46 Grad. Brrr…
Astrid Wallner
Folgende Etappe wurde teilweise befahren: Ulan Bator - Jakutsk